Hohe Zeit in New Mexico
New Mexico, dieses Jahr, unglaublich. Ich weiss, in sozial-medial hysterisierten Zeiten wie unseren klingt es albern bis komisch, aber in echt: let me share this with you!
Nachdem scheinbar unser gesamtes persönliches Umfeld beschlossen hatte, sich untereinander zu verheiraten und selbiges mit grossen Ereignissen, viel Tamtam und ausufernder Zufuhr diversester Alkoholika an exotischen Orten wie Thessaloniki oder Istanbul zu feiern, kamen auch meine langjährige Liebe und ich nicht umhin, uns gegenseitig zu heiraten. Eigentlich sind wir keine Freunde von Klimmbimm und Ereignissen, die nur dadurch, dass man von ihnen erzählt, zu solchen werden. Stärker ist das Ding an sich und nicht erst die Erzählung. Signatur – Ding/Werk/Zeug/Ereignis – Kontext.
Solcherlei Überlegungen führten in ausführliche Rätseleien darüber, wohin und warum genau dahin nun eigentlich für den Anlass, die Sause. Das kann man sich so olympisch vorstellen. Es gibt Orte, die bewerben sich und legen schlüssige Konzepte vor hinsichtlich Umweltverträglichkeit, gross angesagter Cupcake-Backerei, laden Houellebecq zur Lesung ein und besorgen ein DJ Line-Up bis runter zur After Hour mit Massive Attack mit Sinead O’Connor am Mikro. Oder auch mit Bob – nenn mich den Master of the Binnenreim – Dylan, live Rollenspiel inklusive grosser Statisterie in allen möglichen Szenarien: Escape from the Nazi Prison ist scheinbar ein ziemlich beliebtes. Da kommt man sich dann vor wie Steve McQuenn oder wie die Frau an Steve McQueens Seite – auch wenn beides nicht besonders tolle als Ziele sind.
Nach langem hin und vielem her entschieden wir uns für: New Mexico. Sicher ein wenig abgedroschen. Der Breaking Bad-Hype stört nachhaltig, weshalb wir beschlossen die geladene Gesellschaft über Phoenix in Richtung Sangre de Christo Range anreisen zu lassen, um das rumpelige Flugfeld Albuquerques zu meiden. Den Ausschlag hatten ohnehin indigene Navajo-Wurzeln fünften Grades meinerseits gegeben. Ausserdem die heissen Quellen, Ausflüge zu Land-Art Projekten von Judd, De Maria und Turrell, schamanistisches Saunieren mit oder ohne Meskalin Ritual, eine Nachtwanderung im Bryce Canyon. All das schienen uns sinnige und verbindende Rites de Passage für die neuere, schönere Welt, die wir uns für die Zeit nach der Trauung ausmalten.
Was dann passierte, abseits üblicher Klischees wie Mariachi, UFO-Sightings und Würmern im Mesqual war halt. dich. fest. Rafi Horzon und Sepp Bierbichler wollten endlich Blutsbüderschaft schliessen. Wie das so ist bei Jungs, die mit Indianer spielen gross geworden sind. Und klar: sobald jemand sowas im Vollrausch ankündigt geht wie ein Spot an und Quentin murmelte noch: wow, this reminds me so much of Four Rooms, when I cut my finger. Gaillard kommentierte diese – in seinen Augen – Entgleisung mit einem zarten, dennoch für alle nah genug beisammen stehenden deutlich hörbaren, kleinen Rülps, begleitet von einem Wölkchen fein madeleinigen Vanilledufts. Alle hatten sie die Telefone im Anschlag und filmten aus aussichtslosen Perspektiven diesen crazy Initiationsritus, der ja eigentlich eher in einen intimen und vertrauten Rahmen gehört. Mir viel zum ersten mal ein etwa fünf Zentimeter grosses, rundes Muttermal an Sepps Unterarm auf, als er noch meinte: Rafi, wir schneiden uns nur mit sterilen Skalpellen auf.
Jedoch: die beiden zukünftigen Brüder waren noch voll auf Meskalin und als sie sich nun gleichzeitig, simultan und synchron, wie in einer sorgfältigen Choreografie von Bill Forsythe, die Adern aufschnitten, erschraken sie beide vor dem vielen Blut, das aus ihren Armen lief. Sie pressten die Handgelenke aneinander um das Verbundenheit bis zum Tod – und darüber hinaus – stiften wollende Ritual zu Ende zu bringen. Als Horzon plötzlich einfiel: Alter, ich bin doch Bluter. Die Farbe wich uns allen aus dem Gesicht. Noch auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb Horzon, langsam verblutend und immer mehr halluzinierend auf der weissen Lederrückbank meines 600er SEL Coupés.

Risiken und Nebenwirkungen
Sechs Wochen Ferien. Sechs Wochen Job. Sechs Wochen Elektromotoren für Siemens montieren in der kleinen Kurstadt. Sechs Wochen Hölle, die da sind um mir sechs Monate Leben zu zahlen. Vielleicht, wenn sparen funktioniert und so. Heute ist aber nichts mit sparen und rechtzeitig aufhören. Heute lieber nicht nach sechs Wochen Hölle geht nicht masslos geht nurmehr für 5 Mark Freiheit und für 30 Mark Bier und immer weiter und irgendwann hält auch Gott seine Arme nicht mehr auf und Wissen tut weh im Stammheim Babel. Haben wir dann so gedacht und mitgesungen auf den Konzerten und in den Diskotheken. 
Und das hier stimmt: schon in der Nacht ging es mir gar nicht gut. Woher es kam war nicht ganz klar, aber es liess mich erstmal nicht allein in Ruhe sein. Oder ich erspar euch das besser jetzt hier, das was es war. Jedenfalls hatten mich in der Nacht die furchtbarsten Bauchschmerzen meines jungen Lebens umgehauen. Und über 18-jährige wird heute bestimmt als wären wir Kinder also bringt man sie im allgemeinen und mich im speziellen ins Spital. In der Abteilung für Inneres bin ich derdiedas Einzige unter gefühlten 75 Jahren - Schwestern und Ärzte, klar ausgenommen. Und die Ärzte freuen sich, weil ihr Forschergeist wird dann wach, wenn sie mal jemanden haben, dem nicht so was fehlt, was sie im Bruchteil einer Sekunde hinundwegzudiagnostizieren im Stande sind.
Bei mir gibt man sich also besonders Mühe und geht gründlich auf die Suche. Spiegeln, einmal von vorne und einmal von hinten. Are you interested in homoerotica by any chance? Mir war es eher zuviel als zuwenig. Ich liege auf der OP-Bank und die Anästhesistin betritt den Saal. Den Tropf mit der Kochsalzlösung schraubt sie mir aus dem Arm und zieht dabei mit der Ruhe der Gewohnheit eine Spritze mit einer hellbraunen Flüssigkeit auf.
"Was geben Sie mir da eigentlich?"
"Valium"
"Ach so…"
Ein misstrauischer Seitenblick wandert meinen Arm entlang und schaut mir tief in die Augen. Braune Augen hat sie, die Anästhesistin, dunkle, sorgfältig zur Seite gescheiteltes dunkles glattes Haar, dass von vier Haarnadeln fest zusammengehalten wird. Goldene Stecker im Ohr, eine Erscheinung, die man nicht umhin kommt als gepflegt zu bezeichnen.
"Wieso? Kennen Sie das?"
"Neinnein." mit dem hellsten, unschuldigsten Glockenklangtimbre aller Zeiten.
"Na dann zählen Sie mal Rückwärts ab 100."
"Neunundneunzig, achtund.." Black und Aus. Schwarz und Out.